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Wem nützt es eigentlich, wenn sich das Geschichtsbild ändert? Und warum gestaltet sich dieser Vorgang so zäh? Dazu ein Auszug aus dem 2008 erschienenen Essayband über „Revisionismus und Demokratie“:

Wem nützt es, wenn sich das Geschichtsbild ändert?

Von Stefan Scheil

Die Abneigung der politischen Bildung gegen revisionistische Argumentationen ist an sich nicht unverständlich. Jeder historische Revisionismus greift durch seine Arbeit die jeweils ausgeübte politische Herrschaft an, so weit sie auf einem bestimmten Geschichtsbild beruht, was in gewissem Rahmen immer der Fall ist. Der Politiker, der bei ungezählten Gelegenheiten, etwa an Nationalfeiertagen, bei Stellungnahmen zu außenpolitischen Vorgängen oder im Rahmen der Gesetzgebung das Wort ergriffen hat, um mit Analogien zwischen damals und heute eine bestimmte politische Aussage zu begründen, sieht es daher nicht gern, wenn ihm diese Aussage durch Entzug ihrer historischen Basis streitig gemacht wird. Die geringe Begeisterung, mit der die politische Führungsschicht der Bundesrepublik auf manche Revisionismen reagiert, findet allein schon hier eine Erklärung.

Aber auch der Privatmann hört am liebsten neue Varianten dessen, was er schon kennt oder zu kennen meint, und er reagiert abweisend auf Dinge, die er so noch nie gehört hat und zunächst für unwahrscheinlich hält. Der Massenerfolg eines Buches wie Jörg Friedrichs Kampfschrift „Der Brand“ über den alliierten Bombenkrieg ist deshalb nicht ohne eine jahrzehntelang vorhergegangene, diskrete Entwicklung denkbar, die abseits der großen Medien stattgefunden hat. Die Mehrheit wußte stillschweigend um den Charakter des Bombenkriegs als eines Massenverbrechens und las es hier noch einmal gut beschrieben nach.

Bleiben wir in Deutschland und beim Politiker. Bekanntlich muß er, soweit er ein Amt in der Bundesrepublik Deutschland bekleidet oder anstrebt, dem oben geschilderten Geschichtsbild seine Reverenz erweisen. Für die deutsche Geschichte heißt dies, daß die Niederlage von 1945 stets und ausschließlich als Befreiung zu sehen ist, die neuere deutsche Nationalgeschichte in den achtzig Jahren vor diesem Datum aber als Sonderweg, von dem erst die Bundesrepublik durch Einsicht in die deutsche Schuld abgewichen sei. Das Land habe sich dem Westen zuvor ungerechtfertigt entzogen und willkürlich dem westlichen Freiheitsbegriff entsagt.

Auch gehört zu dieser Geschichtsdeutung das angebliche Fehlen einer deutschen Revolution, eine viel diskutierte Behauptung, in der beispielsweise der Historiker Heinrich August Winkler das Hauptelement des deutschen Sonderwegs sieht. Dieser Sonderweg wurde aus seiner Sicht ein „langer Weg nach Westen“, weshalb die Bundeszentrale für politische Bildung diesen programmatischen Titel einer von Winkler verfassten und im neunzehnten Jahrhundert ansetzenden Nationalgeschichte als offiziöse Darstellung des deutschen Selbstbildes anbietet. Was der englischen Geschichte geradezu als vorbildlich angerechnet wird, eben die Fähigkeit zur revolutionslosen Entwicklung, erscheint hier ohne weitere begriffliche Klärung als angeblich entscheidender Nachteil der deutschen Geschichte.

Nun mangelt es der deutschen Geschichte keineswegs an Revolutionen. Gerade die französischen Revolutionäre von 1789 sprachen Deutschland noch als das klassische Land der Revolution an, das durch die Reformation und die Bauernkriege als erstes die Axt an den feudalen und papistischen Status quo gelegt habe. Das müssen wir hier nicht weiter diskutieren, denn aus Sicht des bundesrepublikanischen Selbstverständnisses kann die – historisch gesehen – richtige Revolution nicht unter ihnen gewesen sein. So muß Winkler denn auch die Parlamentarisierung des Kaiserreichs und das im Vergleich zu England wesentlich liberalere Wahlrecht seit 1871 in ihrer Bedeutung konsequent kleinreden. Zu diesen Aspekten der Geschichtsdeutung, die durch kaiserlich-deutsche Geschichtspolitik mit verursacht wurde, später mehr.

Dr. Stefan Scheil ist Historiker und Mitglied der AfD in Rheinland-Pfalz.