Dr. Reinhard Günzel: Das Leid der ukrainischen Juden

Dr. Reinhard Günzel: Das Leid der ukrainischen Juden

Eine Ausstellung des Jüdischen FrauenVereins e.V. im Gymnasium Dresden Cotta, Bericht von Dr. Reinhard Günzel

Zwei europäische Diktaturen zeugte die Urkatastrophe des vergangenen Jahrhunderts und beide zogen eine schreckliche Blutspur durch die Geschichte der in ihrem Machtbereich lebenden Völker und in beiden Diktaturen litten die Angehörigen des jüdischen Volkes, egal ob jüdischen Glauben praktizierend oder nicht, von Beginn an unter dem Terror, der sich im nationalsozialistischen Deutschland alsbald zum Massenmord an den Juden steigerte. Ein Massenmord, heutzutage Holocaust genannt, über den ausführlich im Schulunterricht gesprochen wird. Weniger bekannt ist das Schicksal der Juden in der Sowjetunion, insbesondere in der Zeit des stalinistischen Terrors. Ein latenter, noch aus der Zarenzeit herrührender Antisemitismus ging hier eine unheilvolle Symbiose mit dem bolschewistischen Terror ein, dem auch viele Juden zum Opfer fielen. Insbesondere für Juden in der Ukraine eine über Jahrzehnte sich hinziehende, wahrhaft teuflische Triade: Stalins Terror, systematische Ausrottung während der deutschen Besetzung und danach wieder Stalin.
Es gibt noch wenige, betagte Zeitzeugen aus jener Epoche und etliche, überwiegend aus der Ukraine stammend, leben hier in Dresden unter uns. Es ist das Verdienst von Dr. Elke Preusser-Franke, deren nächste Angehörige von den Nationalsozialisten ermordet wurden, daß sie diesen Menschen über den Jüdischen FrauenVerein Dresden e.V. nicht nur Hilfe und Unterstützung im Alltag zukommen läßt, sondern deren Schicksal auch in einer Ausstellung öffentlich macht. Gezeigt werden etliche Stelen, auf denen Biografien erzählt werden. Meist, aber nicht ausschließlich, kommen ukrainische Juden zu Wort, denn es findet sich auch der nicht weniger aufwühlende Lebenslauf einer Rußlanddeutschen in der Ausstellung. Die Ausstellung ist als Wanderausstellung konzipiert und bei einer Ausstellungseröffnung sind immer auch einige der Zeitzeugen anwesend, deren Biografie auf den Stelen wiedergegeben ist. Allen diesen Menschen hat das Leben schwer mitgespielt Empathie ist ihnen sicher. Beim Lesen der Biografien wird aber auch deutlich, wie sehr das Leben und die Freiheit des Einzelnen in jedweder Diktatur bedroht sind und es ist danach nur ein kleiner Schritt vom „so etwas darf sich niemals wiederholen“ zum Entschluß, jeder Überdehnung der Verfassungsgrundsätze, dem Aussetzen zwingender Vorschriften, Gesetzesschikanen, Entmachtung und Umgehung gewählter Volksvertretungen und was dergleichen Meilensteine auf dem Weg in den totalitären Staat auch immer sein mögen, diesem immer und überall entschieden entgegen zu treten. Brannte in Deutschland erst der Reichstag, danach die Synagogen, versank zum Schluß das ganze Land in Schutt und Asche, und so ging es auch in Rußland erst gegen die demokratisch gewählte Regierung, dann gegen die etwas mehr begüterten Mitbürger und noch vor dem Beginn des Krieges mit Deutschland zählten in der Sowjetunion quer durch alle Bevölkerungsschichten die Opfer des Stalinismus bereits nach Millionen. Aber es sind eben nicht nur diese gewalttätigen Umbrüche, die ein auf Gewaltenteilung beruhendes parlamentarisches System zerstören und ein Land zwangsläufig in die Katastrophe führen. Auch eine stille, schleichende Entmachtung der parlamentarischen Organe, immer gerechtfertigt mit höheren Zielen auf dem Weg in das irdische Paradies und einhergehend mit wachsenden Macht- und Entscheidungsbefugnissen der Exekutive schafft die Hölle auf Erden.
Am 8.11. wurde die Ausstellung "Warum wir nach Dresden gekommen sind", im Gymnasium Dresden-Cotta eröffnet. Anwesend waren die elften und zwölften Klassen des Gymnasiums, also jener Jahrgänge, die bei allen kommenden Wahlen erstmals an die Wahlurnen treten werden. Der Geschichtslehrer Lars Franke, wies gleich zu Beginn darauf hin, daß eine Demokratie immer gegen Extremismus verteidigt werden muß und bezog sich dabei auf die Morde in Halle, führte aber auch die durch Linksextreme ausgesprochenen Morddrohungen gegenüber einer Immobilienmaklerin an. Die Ausstellung selbst wurde von den Schülern sehr gut angenommen und ich habe ein wenig als Dolmetscher ausgeholfen, durch einen kleinen Anstecker am Revers auch als AfD Mitglied erkennbar. Die sich entwickelnden Diskussionen gingen bis in den Bereich der Tagespolitik, wobei ich die Schüler als sehr kritische aber auch offene Gesprächspartner erlebte, respektvoll im Umgang, ohne die oft gebräuchlichen Diffamierungen und Ausgrenzungen gegen die AfD und ihre Mitglieder.

Der Jüdische FrauenVerein verdient für seine Bemühungen mehr öffentliche Aufmerksamkeit und Unterstützung, insbesondere materieller Art. Wer dem gemeinnützigen Verein daher eine Spende zukommen lassen oder den Verein und sein Anliegen anderweitig unterstützen möchte, kann gern über die Webseite https://www.juedischerfrauenverein-dresden.de an den Verein herantreten.

Wie erging es nun den Juden nach 1945 in der Sowjetunion, bekamen sie vom Staat eine Anerkennung oder gar eine Entschädigung für all das erlittene Unrecht? So fragte eine Schülerin eine der Zeitzeuginnen. Die Antwort war kurz und knapp; „Nein, im Gegenteil, wir seien selbst dafür verantwortlich, was mit uns geschehen sei“.

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