Was heißt eigentlich „rechts“? - von Jürgen Schulz, KV Dresden

Was heißt eigentlich „rechts“? - von Jürgen Schulz, KV Dresden

Was heißt eigentlich „rechts“? – von Jürgen Schulz, KV Dresden

Was heißt eigentlich „rechts“?

von Jürgen Schulz, KV Dresden

Die AfD hat bei der Landtagswahl in Brandenburg ihr bisher bestes Ergebnis auf Landesebene geholt – 12,2%. Laut einer Wahlanalyse von ARD/Infratest dimap konnte sie dabei am meisten ehemalige Wähler der Partei DIE LINKE für sich gewinnen. Offenbar fühlten sich diese Wähler bei der Partei DIE LINKE nicht mehr gut aufgehoben. Aber wird die AfD nicht „rechts“ verortet? Haben diese Wähler also einen krassen Bewußtseinswandel durchgemacht? Sind sie konvertiert durch das gesamte politische Spektrum hindurch? Wohl kaum. Auch wenn der Philosoph Ernst Jandl meint: „Manche Leute meinen, lechts und rinks, kann man nicht velwechsern. Werch ein Illtum!“

Das Beispiel Brandenburg zeigt, dass „rechts“ und „links“ unscharfe Begriffe sind, weitgehend ungeeignet, um politische Phänomene zu erklären. Oder wie es ein Kommentar bei wikipedia ausdrückt: „“links" und "rechts" sind verdammt relative Angelegenheiten. Auch "hier" und "dort" und "nahe" und "fern" erweisen sich beim genaueren Hinsehen als enorm relativ. Man kann überhaupt sehr darüber staunen, wie relativ doch alles in der Welt ist.“

Ursprünglich bezogen sich „rechts“ und „links“ auf die parlamentarische Sitzordnung im Frankreich des 19. Jahrhunderts. Während die Linke damals die oppositionellen Kräfte mit revolutionärem Anspruch verkörperte, stand die Rechte für den Erhalt des Status quo und für die Monarchie. Bis heute orientieren sich die Sitzordnungen vieler demokratischer Parlamente an dieser Tradition. Innerhalb des demokratischen Spektrums auch in Deutschland galt der Begriff „rechts“ lange Zeit nicht als anstößig und wurde meist als „bürgerlich“ oder „konservativ“ interpretiert. Seit einiger Zeit jedoch wollen sich etablierte Parteien insbesondere in Deutschland nicht mehr mit diesem Begriff „schmücken“, alle drängen in die „Mitte“. „Rechts“ sein ist verpönt. Dies geht einher mit weiten Teilen der veröffentlichten Meinung in Deutschland, die „rechts“ zunehmend mit dem Phänomen des sogenannten „Rechtsextremismus“ gleichsetzen – ein Totschlagargument angesichts der deutschen Vergangenheit. Welcher aufrechte Demokrat möchte sich diesem konstruierten, aber hartnäckig in die Hirne der Bevölkerung eingepflanzten Stigma aussetzen?

Dabei ist doch eigentlich alles ganz anders. Genauer gesagt ist es – zumindest aus etymologischer Sicht - genau anders herum. Das indogermanische „reg“ als sprachgeschichtliche Wurzel von „rechts“ stand eigentlich für geradeaus, aufrichtig, geraderichten und wurde auch für das Gute, Wahre und Vollkommene angewandt. Die Verwendung derselben Wortwurzel für die Richtung „rechts“, für „richtig“ und für „das Recht“ existiert unter anderem auch im Englischen (right), im Französischen (droit) und in vielen anderen Sprachen. Dagegen geht das neuhochdeutsche „links“ zurück auf das mittelhochdeutsche „linc“, dessen ursprüngliche Bedeutung "ungeschickt" bzw. "linkisch" war. Jemanden „linken“ heißt umgangssprachlich betrügen.

Der deutsche Sprachgebrauch kennt bis heute zahlreiche positiv besetzte Begrifflichkeiten mit dem alten indogermanischen Wortstamm „reg“, dem heutigen „rechts“. Das sind z.B. „das Recht“, „die rechte Hand“, „rechtschaffen“, „zurecht“, „gerecht“. Aber wahrscheinlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis der vorherrschende politische Mainstream dieses Nazi-Vokabular aus dem Duden tilgt. Wir haben ja schon etliche Rechtschreibreformen hinter uns bringen müssen…wann kommt die Linksschreibreform?

Die Mehrheit der Deutschen glaubt, dass die CDU unter Angela Merkel nach „links“ gerückt ist, also in geringerem Maße konservative Werte vertritt. Und die AfD ist heute in vielen Punkten einfach dort, wo die CDU früher einmal war. Sie vertritt viele Positionen, mit denen die CDU früher einmal Wahlkampf gemacht hat. Ob es um die Eurorettungspolitik, die Wirtschaftspolitik, die Asyl- und Flüchtlings­politik, die Innenpolitik, die Energiewende, die Genderfrage oder die Familienpolitik geht, überall ist die CDU nach „links“ gerückt, nach ihrer Interpretation also in die diffuse, aber erfolgverheißende „Mitte“. Daran ändert auch das politische Feigenblatt und CDU-Talkshow-Allzweckwaffe Wolfgang Bosbach nichts – die CDU ist zur besseren SPD mutiert. Wir haben die beste sozialdemokratische Bundeskanzlerin aller Zeiten. Das hat auch Torsten Albig (SPD) erkannt. Er meinte kürzlich, die Nominierung eines SPD-Kanzlerkandidaten bei der nächsten Bundestagswahl wäre völlig überflüssig, da es Mutti ganz hervorragend macht. Leute, die AfD wird dringend gebraucht!

Da also keine staatstragende Partei mehr „rechts“ ist, muss „rechts“ etwas ganz Schlimmes sein, schlimmer als Aids, Ebola und BSE zusammen. Schlimmer ist nur der IS, oder vielleicht doch nicht? „Rechts“ zu sein oder zu „rechts“ gestempelt zu werden hat heute die Qualität, wie zu Zeiten der Hexenverfolgung als Hexe bezichtigt zu werden. Die Behauptung, dass jemand „rechts“ sei, reicht bereits aus, es bedarf keines Beweises, das Urteil der amtlichen und nichtamtlichen Hexenjäger steht bereits fest und alle gegenteiligen Beteuerungen des Delinquenten sind nur ein weiterer Beweis seiner Schuld. Das Hirn wird einfach ausgeschaltet. Wozu diskutieren, sich mit Argumenten auseinandersetzen? Doch nicht mit einer Hexe! Die wird verbrannt! Die heilige Inquisition ist natürlich als Vertreterin der reinen Lehre, ausgestattet mit dem päpstlichen Segen, ein Ausbund an moralischer Integrität und über jeden Zweifel erhaben. Hoffnung macht nur: Wenn es zu viele Hexen gibt, könnte irgendwann das Brennmaterial knapp werden.

Diesem inquisitorischen Treiben hat Konrad Adam in seiner Parteitagsrede vom 4.7.2015 etwas nicht Unwesentliches entgegengesetzt: „Als rechts gilt heute, wer einer geregelten Arbeit nachgeht, seine Kinder pünktlich zur Schule schickt und der Ansicht ist, dass sich der Unterschied von Mann und Frau mit bloßem Auge erkennen lässt.“

Dies soll uns zeigen: „Rechts“ ist nichts weiter als ein ideologischer Kampfbegriff, eine hohle Phrase zur Stigmatisierung des politischen Gegners. Die „Links“ – „Rechts“ – Unterscheidung nutzt letztlich nur den herrschenden Eliten. Wir sollten uns vor dem aufgedrückten Etikett „rechts“ nicht fürchten. Wir sollten den Kampf um die Deutungshoheit inhaltlich-sachlich und gelassen führen. Heißt „rechts“ nicht, zu fragen, wie die Welt wirklich ist und worauf sie beruht? Heißt „rechts“ nicht, an Bewährtem und Identitätsstiftendem festzuhalten und Gefährdungen unserer Gesellschaft und Kultur anzusprechen und zu bekämpfen? Wenn „rechts“ heißt, die Strukturen zu bewahren, auf denen die Zivilisation beruht, dann heißt „links“ womöglich, sie zu zerstören.

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